engst.FOTOGRAFIE Insider - April 2026

Mittlerweile ist der Frühling in vollem Gange und die Motive in der Landschaft nehmen zu. Darum geht es auch in dieser Ausgabe.

Themen in dieser Ausgabe

Rückbesinnung auf die Anfänge

Die vergangenen Ausgaben des Newsletters etwas werbelastiger waren (was mich persönlich etwas gestört hat), wird es ab nun wieder praxisnäher. Künftig werde ich Termin- oder Produktankündigungen separat versenden. Das ist sauber getrennt vom Hauptnewsletter und, so denke ich, für uns alle die bessere Lösung. Auch wenn das bedeuten kann, dass es im Monat mehr Post von mir geben könnte. Schreibt mir doch mal, was ihr davon haltet. Nun aber los und rein in die aktuelle Ausgabe.

Kreative Fotos mittels Internal Camera Movement (ICM)

Es gibt diese Momente in der Fotografie, in denen es nicht mehr um Schärfe geht.
Nicht um Perfektion.
Nicht um technische Präzision.

Sondern nur noch um eines: Gefühl.

Genau so ein Moment entsteht, wenn man eine einfache Narzisse im leichten Regen fotografiert – und sich bewusst dafür entscheidet, die Kamera zu bewegen.

🌧️ Wenn der Regen die Szene verändert

Regen ist für viele Fotografen ein Hindernis.
Für mich ist er eine Einladung.

Die Tropfen brechen das Licht.
Die Farben werden satter.
Die Stimmung dichter.

Und genau hier beginnt die Magie der ICM-Fotografie (Intentional Camera Movement).

Anstatt den Regen „einzufrieren“, lasse ich ihn fließen.
Ich ziehe die Kamera bewusst während der Belichtung – sanft, kontrolliert, fast meditativ.

Das Ergebnis ist kein klassisches Foto mehr.
Es ist etwas dazwischen.

Ein Bild.
Ein Gefühl.
Ein Hauch von Malerei.

🌼 Die Narzisse als Motiv

Warum ausgerechnet eine Narzisse?

Weil sie perfekt ist für diese Art der Fotografie:

  • klare Form

  • starke Farbe

  • weiche, organische Linien

  • Bewegung im Wind

Im Regen wirkt sie fast zerbrechlich – und gleichzeitig unglaublich lebendig.

Durch die Kamerabewegung wird genau das verstärkt:
Die Realität löst sich auf, aber der Charakter bleibt erhalten.

🎨 Was ICM so besonders macht

ICM zwingt dich, Kontrolle abzugeben.

Du kannst nicht exakt planen, wie das Bild am Ende aussieht.
Du kannst nur den Rahmen setzen:

  • Belichtungszeit

  • Bewegungsrichtung

  • Intensität

Der Rest entsteht im Moment.

Und genau das macht diese Technik so wertvoll – gerade in einer Zeit, in der alles perfekt und berechenbar sein soll.

📷 Mein Ansatz in der Praxis

Für solche Aufnahmen arbeite ich bewusst reduziert:

  • längere Belichtungszeit (ca. 1/4 bis 1 Sekunde)

  • leichte, gleichmäßige Bewegung

  • Fokus auf das Motiv vor der Bewegung setzen

  • Serienaufnahme, um Variationen zu bekommen

Wichtig ist nicht, dass jedes Bild „sitzt“.
Wichtig ist, dass ein Bild dabei ist, das etwas auslöst.

🌿 Fotografie als Entschleunigung

ICM im Regen ist für mich mehr als Technik.

Es ist ein Moment des Innehaltens.

Du stehst draußen, spürst den Regen, hörst die Umgebung –
und statt gegen die Bedingungen zu kämpfen, nutzt du sie.

Das verändert nicht nur deine Bilder.
Es verändert deinen Blick.

👉 Impuls für dich

Wenn du das nächste Mal draußen bist und es beginnt zu regnen:

Leg die klassische Fotografie für einen Moment beiseite.
Stell die Belichtungszeit länger ein.
Beweg die Kamera.

Und schau, was passiert.

Du wirst überrascht sein, wie viel Gefühl in deinen Bildern steckt,
wenn du aufhörst, alles kontrollieren zu wollen.

ICM-Fotografie leicht gemacht – Schritt für Schritt zum Bild

Du brauchst für diese Art der Fotografie kein spezielles Equipment.
Keine High-End-Technik.
Nur eines: die Bereitschaft, Kontrolle abzugeben.

Hier ist eine einfache Anleitung, mit der du sofort loslegen kannst.

🌼 1. Das richtige Motiv wählen

Nicht jedes Motiv eignet sich für ICM.

Ideal sind Motive mit:

  • klarer Form

  • kräftigen Farben

  • weichen Linien

Eine Narzisse ist dafür perfekt:
Sie hebt sich farblich ab und wirkt auch in Bewegung noch erkennbar.

👉 Merksatz:
Ein gutes ICM-Motiv funktioniert auch leicht unscharf noch.

🌧️ 2. Die richtigen Bedingungen nutzen

Leichter Regen ist ein Geschenk.

Warum?

  • Farben wirken intensiver

  • Licht wird weicher

  • Tropfen erzeugen zusätzliche Dynamik

Du musst also nicht auf „perfektes Wetter“ warten.
Im Gegenteil: Je unperfekter, desto spannender.

⚙️ 3. Kameraeinstellungen (einfach erklärt)

Jetzt wird es praktisch – aber keine Sorge, es bleibt simpel:

  • Belichtungszeit: ca. 1/4 bis 1 Sekunde

  • Blende: f/8 bis f/16 (für etwas Struktur)

  • ISO: so niedrig wie möglich

  • Fokus: einmal auf das Motiv setzen, dann nicht mehr verändern

Wenn es zu hell ist:
👉 Nutze einen ND-Filter oder gehe in den Schatten.

✋ 4. Die Bewegung – der wichtigste Teil

Jetzt kommt der entscheidende Moment.

Während die Kamera auslöst, bewegst du sie bewusst.

Ein paar einfache Varianten:

  • Vertikal bewegen → ruhige, natürliche Wirkung

  • Horizontal bewegen → dynamischer, abstrakter

  • Leicht diagonal → besonders malerisch

Wichtig:
Die Bewegung sollte ruhig und gleichmäßig sein – kein hektisches Wackeln.

👉 Stell dir vor, du „malst“ mit der Kamera.

🔁 5. Mehrere Aufnahmen machen

ICM ist nicht planbar – und genau das ist der Punkt.

Mach bewusst mehrere Bilder:

  • kleine Variationen in der Bewegung

  • unterschiedliche Geschwindigkeiten

  • leicht veränderte Bildausschnitte

Oft ist nur 1 von 10 Bildern wirklich stark.
Das ist völlig normal.

🎨 6. Ergebnisse bewusst betrachten

Wenn du dir deine Bilder anschaust, frag dich nicht:

👉 „Ist das scharf?“

Sondern:

👉 „Fühlt sich das Bild gut an?“

ICM lebt von Stimmung, nicht von Perfektion.

🌿 7. Typische Fehler (und wie du sie vermeidest)

Ein paar Dinge, die dir den Einstieg leichter machen:

  • ❌ Zu kurze Belichtungszeit → kaum Bewegung sichtbar

  • ❌ Zu hektische Bewegung → unruhiges Chaos

  • ❌ Ungeeignetes Motiv → wirkt schnell beliebig

👉 Lösung:
Langsamer, bewusster, einfacher denken.

💡 Fazit

ICM-Fotografie ist kein Trick.
Es ist eine andere Art zu sehen.

Du hörst auf, nur abzubilden –
und beginnst, zu interpretieren.

Und genau darin liegt die Stärke dieser Technik.

👉 Kleine Aufgabe für dich

Beim nächsten Spaziergang:

  • Such dir eine einzelne Blume

  • Stell die Belichtungszeit auf etwa 1/2 Sekunde

  • Bewege die Kamera bewusst beim Auslösen

Und dann:
👉 Einfach ausprobieren.

Wenn das Abendlicht die Adonisröschen entzündet

Es gibt diese Abende, an denen man schon beim Aussteigen aus dem Auto spürt, dass etwas in der Luft liegt. Kein spektakuläres Naturereignis, kein dramatisches Wetterchaos, sondern vielmehr dieses leise Versprechen auf Licht. Genau mit diesem Gefühl begann meine jüngste Fototour zu den Adonisröschen.

Die Hänge lagen bereits im warmen Schein der tiefstehenden Sonne, während der Himmel darüber in ein kräftiges Blau getaucht war. Dazwischen zogen Wolkenfelder, mal weich und leuchtend, mal markant und voller Struktur. Schon nach den ersten Metern wurde klar, dass dieser Abend nicht nur schöne Motive bereithalten würde, sondern vor allem Atmosphäre.

Die Adonisröschen zeigten sich von ihrer schönsten Seite. Ihr intensives Gelb wirkte im Gegenlicht fast wie von innen heraus beleuchtet. Zwischen trockenem Gras, den ersten frischen Halmen und den rauen Spuren des vergangenen Winters standen sie wie kleine Lichtpunkte am Hang. Gerade in der Abendsonne entfalten diese frühen Blüten einen ganz besonderen Zauber. Sie sind nicht laut, nicht aufdringlich, und doch ziehen sie den Blick sofort auf sich.

Besonders reizvoll war an diesem Abend das Wechselspiel zwischen Weite und Nähe. Einerseits bot die Landschaft mit ihren sanften Hängen, alten Obstbäumen und dem dramatischen Himmel wunderbare Möglichkeiten für weite, erzählende Bilder. Andererseits lohnte es sich, ganz nah an die Blüten heranzugehen. Erst dort offenbart sich diese fragile Schönheit, die man aus einigen Metern Entfernung leicht übersieht. Im Sucher entstanden so ganz unterschiedliche Bildstimmungen: einmal die große Bühne der Landschaft, dann wieder das intime Porträt einer einzelnen Blüte im letzten Licht.

Ein Motiv hat mich dabei besonders gefesselt: die Adonisröschen vor der untergehenden Sonne, flankiert von den dunklen Silhouetten alter Bäume. Diese Kontraste aus Licht und Schatten, aus zarter Blüte und rauer Landschaft, machen für mich den Reiz solcher Abende aus. Die Blumen wirken dadurch nicht bloß dekorativ, sondern eingebettet in einen größeren Zusammenhang. Sie gehören zu diesem Ort, zu diesem Hang, zu dieser Jahreszeit.

Auch fotografisch war der Abend wieder eine schöne Erinnerung daran, wie viel Charakter tiefes Sonnenlicht in ein Bild bringen kann. Das warme Streiflicht modelliert Formen, hebt Strukturen hervor und lässt selbst unscheinbare Gräser lebendig wirken. Gleichzeitig fordert es sauberes Arbeiten, denn Gegenlicht verzeiht wenig. Umso schöner ist es, wenn am Ende nicht nur technisch gelungene Aufnahmen entstehen, sondern Bilder, die etwas von der Stimmung dieses Moments bewahren.

Was mich an solchen Touren immer wieder begeistert, ist die Ruhe. Während die Sonne langsam tiefer sinkt und das Licht von Minute zu Minute kostbarer wird, verlangsamt sich automatisch auch der eigene Blick. Man fotografiert bewusster, nimmt Details intensiver wahr und lässt sich stärker auf das Motiv ein. Die Adonisröschen sind dafür perfekte Begleiter. Sie verlangen keine Hast, sondern Aufmerksamkeit.

Am Ende war es einer dieser Abende, die lange nachwirken. Nicht nur wegen der entstandenen Fotos, sondern wegen des Erlebnisses selbst. Das goldene Leuchten der Blüten, der weite Himmel, die kahlen Bäume als stille Zeugen am Hang und dieses sanfte Ausklingen des Tages haben einmal mehr gezeigt, dass es oft nicht die spektakulären Reisen sind, die besondere Bilder schenken, sondern die vertrauten Orte im richtigen Licht.

Die Adonisröschen-Saison ist kurz. Vielleicht ist es genau diese Vergänglichkeit, die ihren Reiz noch verstärkt. Wer sie fotografieren möchte, sollte nicht zu lange warten. Das passende Licht, ein wenig Geduld und ein offener Blick reichen oft schon aus, um aus einem einfachen Frühlingsabend ein kleines fotografisches Erlebnis zu machen.

Damit endet auch schon wieder diese Ausgabe des Newsletters im neuen Jahr. Aber keine Sorge, ein neues Jahr voller fotografischer Erlebnisse liegt vor uns und ich freue mich darauf, es mit euch zu erkunden.

Allzeit gutes Licht und immer spannende Motive vor der Kamera wüscht,

Thomas